Dürfen wir auch mal sagen, was gut läuft?

In Unternehmen wird viel darüber gesprochen, was schwierig ist. Zu Recht. Aber gelegentlich sollten wir ebenso aufmerksam auf das schauen, was funktioniert – und vor allem auf die Menschen, die dafür sorgen. Denn gute Führung zeigt sich nicht nur dann, wenn etwas schiefläuft.

Vor einigen Tagen las ich bei IMPULSE ein Interview mit dem Wirtschaftspsychologen und Managementcoach Nico Rose. Es ging um Erfolge, positive Emotionen und darum, warum gerade in schwierigen Zeiten nicht ausschließlich über Probleme gesprochen werden sollte. Rose beschreibt positive Emotionen als eine Art Treibstoff: Sie können motivieren, das Gemeinschaftsgefühl stärken und dabei helfen, negative Dynamiken in Teams abzumildern.

Beim Lesen fragte ich mich ziemlich schnell: Wie läuft das eigentlich in unseren Unternehmen?

An Problemen mangelt es schließlich selten. Termine drücken, Personal fehlt, Kosten steigen, Kunden erwarten schnelle Lösungen, Abläufe funktionieren nicht immer wie geplant. Darüber muss gesprochen werden, denn Probleme verschwinden nicht dadurch, dass man sie ignoriert.

Gleichzeitig wird leicht übersehen, wie viel jeden Tag funktioniert. Ein schwieriger Auftrag wird sauber abgewickelt, ein Mitarbeiter findet eine Lösung, obwohl der ursprüngliche Plan nicht mehr trägt, eine Kollegin fängt eine Situation auf, bevor daraus überhaupt ein echtes Problem entsteht, und ein Team liefert unter Zeitdruck zuverlässig ab.

Und am nächsten Morgen steht bereits die nächste Aufgabe auf dem Tisch.

Führung findet nicht nur bei Problemen statt

Genau an dieser Stelle wird ein Gedanke von Nico Rose interessant. Führungskräfte suchen das Gespräch mit Mitarbeitern oft vor allem dann, wenn etwas nicht funktioniert. Das ist nachvollziehbar, denn Probleme verlangen Aufmerksamkeit. Geschieht das dauerhaft, entsteht allerdings leicht der Eindruck, dass gute Arbeit selbstverständlich ist und nur Fehler wirklich wahrgenommen werden.

Natürlich gehört es zur Führung, Schwierigkeiten anzusprechen, Entscheidungen zu treffen und Leistung einzufordern. Aber wann sucht eine Führungskraft einmal das Gespräch, weil etwas besonders gut gelaufen ist?

„Ich habe gesehen, was Sie da gestern gelöst haben. Das war nicht einfach. Wie haben Sie das hinbekommen?“

Mehr braucht es oft gar nicht.

Rose greift im IMPULSE-Interview dazu Erkenntnisse aus der psychologischen Forschung auf: Ein knappes „Gut gemacht“ ist freundlich, bleibt aber oberflächlich. Wer nachfragt, echtes Interesse zeigt und einem Mitarbeiter für einen Moment Aufmerksamkeit schenkt, verstärkt das positive Erlebnis und signalisiert gleichzeitig: Ich habe gesehen, was Sie geleistet haben.

Und damit sind wir bei etwas, das meine Oma Elfriede bereits ohne Studium der Positiven Psychologie wusste.

Wir nannten sie Oma Fried, und einer ihrer Sätze lautete:

„Lob ist billiger als ’ne Gehaltserhöhung.“

Omas haben bekanntlich immer recht.

Natürlich ersetzt Lob keine angemessene Bezahlung. Wer Wertschätzung als günstige Alternative zu einem vernünftigen Gehalt versteht, hat den Gedanken gründlich missverstanden. Aber gute Arbeit wahrzunehmen kostet tatsächlich kaum etwas. Und gerade dort, wo Leistung oft erst auffällt, wenn etwas nicht funktioniert, kann ein ehrliches Lob erstaunlich viel bewirken.

Gute Stimmung ist kein Nebenthema

Positive Emotionen bleiben nicht zwangsläufig bei demjenigen, der gerade etwas Gutes erlebt hat. Sie wirken auf andere. Jeder kennt das aus dem Arbeitsalltag: Jemand erzählt von einem gelungenen Projekt, ein Kollege fragt nach, jemand lacht, die Stimmung verändert sich.

Nicht spektakulär. Aber spürbar.

Die Arbeit ist danach noch dieselbe. Der Termindruck ebenfalls. Und kein betriebliches Problem löst sich auf wundersame Weise in Luft auf. Trotzdem ist die Atmosphäre plötzlich eine leise andere.

Das sollte man nicht unterschätzen. Gute Stimmung ersetzt keine Prozesse, keine Führung und keine klare Organisation. Aber sie beeinflusst sehr wohl, wie Menschen miteinander arbeiten, wie sie Belastungen aufnehmen und wie bereit sie sind, gemeinsam Lösungen zu finden.

Gute Arbeit anschauen – und davon lernen

Wer nachfragt, warum etwas besonders gut funktioniert hat, tut allerdings noch mehr. Er erfährt etwas über gute Abläufe, kluge Entscheidungen und funktionierende Zusammenarbeit. Damit wird aus Anerkennung plötzlich auch Lernen.

In der Managementlehre gibt es dafür den Begriff Benchmarking: Man schaut sich an, was andere besonders gut machen, und prüft, was davon für die eigene Arbeit nützlich sein könnte. Es geht nicht darum, blind zu kopieren, sondern gute Lösungen zu erkennen und daraus zu lernen.

Auch dafür hatte Oma Fried längst eine deutlich anschaulichere Beschreibung:

„Kind, mit den Augen und den Ohren darfst du stehlen. Nur nie mit den Fingern.“

Damit ist eigentlich alles gesagt.

Unternehmen leben schließlich von Erfahrung. Mitarbeiter schauen sich voneinander etwas ab, Teams übernehmen funktionierende Abläufe, Führungskräfte besuchen andere Unternehmen und sehen plötzlich eine Lösung, bei der sie denken: Warum machen wir das eigentlich nicht auch so?

Nicht jede gute Idee muss man selbst erfinden.

Gerade deshalb lohnt es sich, nach einem gelungenen Projekt nicht nur festzustellen, dass es gut gelaufen ist, sondern gelegentlich zu fragen, warum. Was war diesmal anders? Welche Entscheidung war richtig? Wer hatte die entscheidende Idee? Was davon lässt sich wiederholen?

Dann wird aus einem Erfolg Wissen, das im Unternehmen bleibt.

Gute Führung darf auch freundlich sein

In vielen Unternehmen wird Führung immer noch stark mit Problemlösung, Kontrolle und Entscheidung verbunden. Das gehört dazu. Gute Führung umfasst aber auch Aufmerksamkeit.

Dabei braucht es weder permanentes Schulterklopfen noch künstliche Begeisterung. Wenn alles außergewöhnlich ist, ist irgendwann nichts mehr außergewöhnlich.

Glaubwürdige Anerkennung funktioniert anders. Sie ist konkret, ehrlich und hat einen Anlass. Sie macht sichtbar, dass Leistung gesehen wird.

Dann darf man ruhig einmal sagen:

Das war richtig gut.

Quintessenz

Gute Führung muss nicht kompliziert sein. Ein wenig genauer hinschauen, gute Arbeit nicht als selbstverständlich abhaken, nachfragen, wenn etwas besonders gut funktioniert hat – und dabei gleich noch lernen, was man beim nächsten Mal wieder nutzen kann.

Nico Rose liefert dafür die psychologische Erklärung. Oma Fried hatte die Kurzfassung schon vor Jahrzehnten parat:

„Lob ist billiger als ’ne Gehaltserhöhung.“

Und wer wissen möchte, wie man selbst immer ein bisschen besser wird:

„Kind, mit den Augen und den Ohren darfst du stehlen. Nur nie mit den Fingern.“

Zwei ziemlich brauchbare Führungsgrundsätze.

Wenn jemand seine Sache gut gemacht hat, darf man ihm das auch sagen.


Angeregt wurde dieser Beitrag durch ein IMPULSE-Interview mit dem Wirtschaftspsychologen und Managementcoach Dr. Nico Rose über Erfolge, positive Emotionen und den Umgang mit guter Arbeit in Unternehmen.

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